Der Sepp war tot. Mutter hatte mich angerufen und mir das am Telefon mit gedämpfter Stimme erzählt. Beerdigung in einer Woche, die Großmutter käme auch mit, mangels eines fahrbaren Untersatzes sollte ich abgeholt werden. Ich sagte zu.
Am Tag der Beerdigung selbst hatten wir Glück. Das sagte auch jeder, den wir vor der kleinen Dorfkirche trafen. Tante Kati stritt sich mit meiner Großmutter, meine Mutter war bestens gelaunt und unterhielt sich mit ihren Verwandten, stellte mir diesen und jene vor. Die Reaktion auf mich war immer die gleiche.
"Ruhelosigkeit und Veränderung sind das Beständigste in meinem Leben ..."
Und dazu auch große Neugierde! Dies sind die Dinge, die Viola Stocker ausmachen. "Zum Schreiben kam ich zwangsläufig durch meine Einschulung, es hat mich seither nicht mehr verlassen. Dieses Jahr habe ich mich erstmals an Literaturwettbewerben beteiligt - es stand auf meiner Liste der unerledigten Dinge."
1976 in Passau geboren, wo Viola Stocker auch Anglistik, Politikwissenschaft und Soziologie studiert hat. 2003 machte sie das erste Staatsexamen. 2004 ging sie in die USA und arbeitete am San Jose Museum of Arts.
Die Serie Vergänglichkeit»»»»"ES ist alles gantz Eitel | sprach der Prediger | Es ist alles gantz eitel. || Was hat der Mensch mehr von all seiner mühe | die er hat vnter der Sonnen? || Ein Geschlecht vergehet | das ander kompt | Die Erde bleibet aber ewiglich. || [...] ES ist alles thun so vol mühe | das niemand ausreden kan. Das Auge sihet sich nimer sat | vnd das Ohr höret sich nimer sat. || Was ists das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ists das man gethan hat? Eben das man hernach wider thun wird | Vnd geschicht nichts newes vnter der Sonnen. || Geschicht auch etwas dauon man sagen möchte | Sihe | das ist new? Denn es ist vor auch geschehen in vorigen zeiten | die vor vns gewesen sind. || Man gedenckt nicht | wie es zuuor geraten ist | Also auch des das hernach kompt | wird man nicht gedencken | bey denen die hernach sein werden." Der Prediger Salomo, I, 2-11. Übers. Luther, 1545. kombiniert in fünf Bildern Photographien von Rüdiger Breitbach und Texte von Tobias Roth; die auf das Internet ausgerichtete Version, die hier zu sehen ist, wurde von Christoph Medicus programmiert. Der von Anfang an bestehende Gedanke, diese Kombination als Verbindung von Bild und Ton zu realisieren, konnte nun im Rahmen des LITERATURUPDATE 2010 verwirklicht werden. Ausgangspunkt der Gestaltung sowohl des Textes als auch einer möglichen Hängung der Bilder ist die Proportion der Einzelbilder.
»»»»Der sog. Goldenen Schnitt (1:1,618), der wie keine andere Proportion das seltsame Ineinander von natürlichem Harmonieempfinden und soziokultureller Konstruktion repräsentiert, ist hierbei maßgeblich. Die Bildflächen sind bei beliebiger konkreter Maßeinheit 70x113 proportioniert (70x1,618=113). Mit entsprechenden Abständen von 43 (43x1,618=70) ergeben sich für die komplette gehängte Serie die Maße 522x113. Der formalen Gleichartigkeit der Bilder entsprechen die Texte, indem sie je genau 70 Wörter in 522 Zeichen umfassen.
Die strenge formale Bindung wird scheinbar von der inhaltlichen Gegenläufigkeit der Bilder und der Texte unterlaufen: Man sieht schöne Frauen in Abendkleidern und hört Überlegungen zu Blumenstillleben. Die Texte konstituieren wie die Bilder einen eigenen, geschlossenen Sinnzusammenhang, aber die inhaltliche Bindung ist ebenso eng wie die formale.
Vergänglichkeit beschäftigt sich inhaltlich mit dem Phänomen eines normativen Schönheitsideals in Konfrontation mit der verstreichenden Zeit. Als Leitmetapher fungiert die traditionsreiche wechselseitige Ersetzung von Frau und Blume. Wie jeder Körper ist auch der Körper, der in Mode und Kunst das ästhetische Postulat einer Epoche abbildet, dem Zerfall und der Vergänglichkeit ausgesetzt. Vergänglichkeit erzählt diese Zeit und diese Bedrohung durch die Zeit in genau dem Medium, in dem dieses Postulat gegenwärtig vorrangig ausgedrückt wird: in einer Photographie, die sich der strickt graphischen Zugriffsform der Mode und den Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung hingibt. Dieser Photographie entspricht im Sinne der leitmetaphorischen Ersetzung das barocke Blumenstillleben. Beide Gattungen werden in ihrer festlichen Sinnlichkeit und kostbaren Oberfläche transparent auf den Totenschädel der Vanitas.
Flämische Blumenstillleben des sog. Goldenen Zeitalters und die photoshopgestützte (Mode)Photographie unserer Tage berühren sich stärker als nur darin, dass sie beide versuchen, eine Schönheit in sinnenverwirrender, rückhaltloser Weise zur Darstellung zu bringen. Nicht nur liegen beide Gattungen instabil auf der Grenze zwischen sog. Gebrauchskunst/Design und sog. Reiner Kunst. Die hier ausschlaggebende Gemeinsamkeit, die für das Konzept der Serie Vergänglichkeit fruchtbar gemacht wurde, ist die spezifische Herstellung der Fiktionalität und die spezifische Umgangsform, die diese Werke mit ihrer eigenen Fiktionalität pflegen. Die knappste Stichwortkette lautet in diesem Zusammenhang: Skizzierung, Komposition, Steigerung, Verleugnung.
»»»»Bereits die künstliche Herstellung idealer Lichtsituationen ist ein strukturanaloger Schritt. Durch diesen Kunstgriff begeben sich die abgebildeten Oberflächen in eine Surrealität, die nur durch die Verschiebung ihrer Farben entsteht. Die künstlerische Arbeit geht unter diese Oberfläche, wenn sie die Körper aus ungleichzeitigen Skizzen komponiert und erfindet. Tagelange Serien und ganze Blumenmessen fließen in vermeintlichen Momentaufnahmen zusammen. Durch die Synthetisierung wird der Körper total fiktionalisiert, er wird in einem betont flüchtigen Augenblick gezeigt, der nie Augenblick gewesen ist.
»»»»»»Dieser Schritt ließe sich mit Giorgio Vasari als Übergang in die terza età bezeichnen: Überbietung der Natur. Die Bilder erscheinen abbildend, vollkommen wie die Trauben des Zeuxis oder die Vorhänge des Parrhasios. Aber die Oberflächen des erscheinenden Bildes und die Arbeiten der Fiktion verneinen sich gegenseitig und heftig. Gerade deshalb, nicht nur Aufgrund meisterlicher Abbildungstechnik, trägt solche Bildkunst zurecht den Namen trompe l’oeil, Augenbetrug.
»»»»»»»»Je perfekter aber dieser Augenbetrug ausgeführt ist, desto lauter spricht das Bild auch von der Vergänglichkeit des Dargestellten. Es ist nicht nur so, dass hier wie dort flüchtige, zerbrechliche und schöne Oberflächen dargestellt werden, deren Wesen stets in Ornamentik überzugehen droht, dass sich hier wie dort der Gedanke der Vanitas unter der tändelnden Oberfläche versammelt, dass hier wie dort die thematisierte Zeit grundlegend manipuliert. Sowohl Blumenstillleben (als eingebunden in den jenseitsorientierten Zusammenhang christlicher Allegorese) als auch Modephotographie (als eingebunden in den marktorientierten Zusammenhang kapitalistischer Angstökonomien) formulieren einen Anspruch an den Betrachter, dem unmöglich nachzukommen ist. An demselben martyrologischen Baum gewachsen kann man damals wie heute verschiedene Formen der entsprechenden Selbstkasteiung und Selbstbildhauerei beobachten. Wenn im Zuge von Vergänglichkeit von Fiktion die Rede ist, geschieht es im Bewusstsein der doppelten Wortbedeutung der lateinischen Wurzel fingere: zugleich „sich vorstellen, sich denken, erfinden“ und „formen, gestalten, bauen, machen“. Die Fiktion ist nicht nur das Vorgestellte, sondern sie wird tätig und tritt in Aktion: Das fällt auf den Betrachter zurück, wie die Frauen ins Schwarz, wie der Tautropfen vom Blütenblatt des Stilllebens.